20. 05. 2026
Im Interview mit Johannes Speckner: Christoph Roquette über eine „schwierige Saison“ des SC Rist
Schon seit Jahren ist es beim SC Rist Wedel üblich, dass der Sportliche Leiter Christoph Roquette im Mai die zurückliegende Saison Revue passieren lässt. Dieses Mal sprach der 43-Jährige nicht nur darüber, was in der Spielzeit 2025/2026 bei seinen Gelb-Grünen gut und schlecht war. Ein Thema im Interview waren natürlich auch die Überlegungen des Rister Vorstands, aus finanziellen Gründen für die kommende Serie auf den Platz in der 2. Bundesliga ProB zu verzichten.
Wie fällt Ihr Saison-Fazit aus?
Christoph Roquette: „Wir haben den Klassenerhalt, der immer unser erstes Ziel ist, zeitig sicher gehabt und bis zum letzten Spieltag um die Play-Off-Teilnahme gekämpft. Bis zu unserer vorletzten Partie hatten wir es selbst in der Hand, einen Platz unter den Top-Acht zu erreichen. Leider ist uns am Ende ein bisschen die Luft ausgegangen. Vielleicht war sich die Mannschaft zwischenzeitlich schon zu sicher, dass wir es in die Play-Offs schaffen, und hat deshalb die Zügel aus der Hand gegeben. Durch das Verpassen der Play-Offs fühlt es sich am Ende ein bisschen so an, als hätten wir keine gute Saison gespielt. Aber da möchte ich widersprechen: Die Saison war gut – allerdings war sie auch schwierig.“
Was ist gut gelaufen?
Roquette: „Viele junge Spieler haben sich hervorragend entwickelt. Ich denke da vor allem an Nelson Martin, der auch bei den Veolia Towers in der Bundesliga und im Euro Cup zum Zug gekommen ist. Ich denke an Janne Müller, der sich stetig weiterentwickelt und an seine starke Vorsaison bei Rhöndorf angeknüpft hat. Und ich denke an Danny Egbe, der dafür, dass er gerade erst seinen 16. Geburtstag gefeiert hat, schon erstaunlich viele Einsatzminuten bekommen hat. Und in der Schlussphase der Saison haben wir auch Paul Mellentin wiederholt auf das Feld gebracht. So haben wir erneut vielen jungen Spieler ein Sprungbrett und die Chance zu einer Weiterentwicklung auf hohem Niveau gegeben. Das ist gute Arbeit gewesen, da haben wir individuell hervorragend mit den Spielern gearbeitet – und darüber dürfen wir uns auch freuen.“
Was war schwierig?
Roquette: „Wir mussten mit sehr vielen Widrigkeiten kämpfen. Es war beispielsweise schwer, die Doppellizenzspieler zu integrieren. Das ist uns in den vorherigen Jahren deutlich besser gelungen. Unsere Importspieler haben fast die gesamte Saisonvorbereitung verpasst. Unter dem Strich konnten wir die Bindung nicht so schaffen, dass eine homogene Mannschaft entsteht. Und leider haben wir in vielen Heimspielen mit einer angezogenen Handbremse agiert – teilweise wirkte das fast schon phlegmatisch und war ein komplett anderes Auftreten als in zahlreichen Auswärtsspielen. In der Fremde haben wir fast alle Top-Teams geschlagen, während wir zuhause oft gegen Mannschaften verloren haben, die in der Tabelle hinter uns standen – und das teilweise deutlich.“
Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Roquette: „Leider konnten wir dieses Problem nicht identifizieren und es deshalb bis zum letzten Saison-Heimspiel auch nicht abstellen. Ich glaube nicht, dass es eine Frage der Einstellung war. Ein Punkt ist sicher, dass uns emotionale Führungsspieler gefehlt haben. Camron Reece war in den beiden vorherigen Spielzeiten genau so ein emotionaler Leader, den wir nun schmerzlich vermisst haben, weil wir ein relativ ruhiges Team hatten. Und natürlich war es schade, dass unser Zuschauerschnitt bei den Heimspielen deutlich niedriger war. Das ging zulasten der Stimmung in der Halle und hat vielleicht dazu beigetragen, dass die Heimspiele oft nicht wunschgemäß verlaufen sind.“
Welche Gründe sehen Sie für das gesunkene Zuschauerinteresse?
Roquette: „Seit dem Beginn der Saison gab es ja einen kostenlosen Livestream, der sehr gut angenommen worden ist. Im Schnitt haben fast 500 Zuschauer unsere Heimspiele im Stream verfolgt. Darunter waren sicher auch Anhänger unserer jeweiligen Gegner, die so oder so nicht nach Wedel gefahren wären – aber sicher auch viele unserer Fans, die in den vergangenen Jahren noch live dabei waren. Sie haben natürlich in der Halle gefehlt, um dort eine gute Stimmung zu haben, um eine Festung aufzubauen. Und das haben natürlich auch unsere Spieler gespürt.“
Wie kann es gelingen, die Steinberghalle in der kommenden Saison wieder zu einer Festung zu machen?
Roquette: „Wir wollen zukünftig wieder eine richtige Euphorie um den Basketball in Wedel und um unsere ProB-Heimspiele herum entfachen. Um die Verbindung zwischen den Fans und den Spielern zu stärken, wird es neben dem Benefizspiel gegen die Bundesliga-Mannschaft der Veolia Towers Hamburg, das ohnehin großes Interesse erwecken wird, auch einen Kennenlerntag mit dem neu formierten Team geben. Hierbei gibt es sozusagen die Spieler ‚zum Anfassen‘ für die Fans. Wenn alles passt, werden auch unsere 1. Damen bei dieser Veranstaltung dabei sein.“
Die Essen Miners haben im Play-Off-Finale gegen die Orange Academy aus Ulm die ProB-Meisterschaft perfekt gemacht. Haben die Miners den Titel und den Aufstieg verdient?
Roquette: „Absolut. Die Essen Miners haben eine hervorragende Saison gespielt und am Ende zu Recht den ersten Platz in der Hauptrunde der ProB Nord belegt. In den Play-Offs haben sie ihre guten Auftritte noch einmal bestätigt und sind vollkommen verdient Meister geworden. Die Miners haben eine schöne Halle und sind mit dem klaren Ziel in die Saison gegangen, aufzusteigen. Entsprechend haben sie ihren Kader aufgestellt und ich traue es ihnen auch zu, dass sie sich in der ProA etablieren. Im Gegenzug kommen bärenstarke Mannschaften aus der ProA in die ProB herunter und auch aus der 1. Regionalliga dazu, sodass wir uns in der kommenden Saison auch auf interessante neue Gegner freuen können.“
Die Bargteheide Bees werden nicht dazu gehören, weil sie als Meister der 1. Regionalliga Nord auf ihr Aufstiegsrecht verzichten. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?
Roquette: „Die Bargteheide Bees hätten den Aufstieg sportlich definitiv verdient gehabt. Schließlich haben sie im Play-Off-Finale die Berlin Dreams geschlagen. Die Beweggründe der Bargteheider, die mangels einer Halle, die die ProB-Anforderungen erfüllt, ihre Heimspiele weit von ihrem Zuhause entfernt hätten bestreiten müssen, für den Aufstiegsverzicht sind absolut nachvollziehbar. Aber natürlich ist es sehr schade, wenn rund um einen Verein durch den Titelgewinn so eine Basketball-Euphorie entfacht worden ist, dann aber der Aufstieg nicht möglich ist.“
Auch im Vorstand des SC Rist gab es Überlegungen, auf einen Verbleib in der ProB zu verzichten. Wie haben Sie die letzten Wochen erlebt?
Roquette: „Ich bekleide dieses Amt jetzt seit zehn Jahren. Ich mache das ehrenamtlich und stecke da viel Herzblut rein. Es wäre schwer zu akzeptieren gewesen, wenn unsere ProB-Zeit nicht wegen eines sportlichen Abstiegs, sondern aus finanziellen Gründen hätte enden müssen. Zumal ich immer wieder sehe, was dieser Basketballverein für die Stadt Wedel bedeutet. Viele Kinder, darunter auch mein sechs Jahre alter Sohn, fiebern auf jedes ProB-Heimspiel hin. Ich hätte es unheimlich schade gefunden, wenn es uns als Gemeinschaft nicht gelungen wäre, dieses Aushängeschild am Leben zu erhalten. Zumal wir hier nicht von riesigen Summen wie einer Million Euro reden – sondern von Beträgen, die in so einer Gemeinschaft stemmbar sein sollten.“
Dank der Unterstützung alter und neuer Sponsoren sowie der „Club 100“-Spendenaktion ist der ProB-Verbleib für die kommende Saison inzwischen gesichert. Was ist vonnöten, um das Projekt langfristig auf eine solide Basis zu stellen?
Roquette: „Zunächst einmal finde ich es schön, dass wir es gemeinsam geschafft haben, diesen Leuchtturm für Wedel zu bewahren. Ich hoffe, dass alle Menschen, denen der Basketball in Wedel wichtig ist, gemerkt haben, dass es kurz vor zwölf ist. Niemand sollte es als einen selbstverständlichen, von Gott gegebenen Umstand ansehen, dass wir in der ProB spielen. Das ist etwas ganz Besonderes und nur möglich, weil der ehrenamtliche Vorstand sehr viel Arbeit, Herzblut und Zeit in diesen Verein steckt. Und natürlich muss auch zukünftig investiert werden, wenn wir es weiterhin ermöglichen wollen, dass die Menschen in Wedel an jedem zweiten Wochenende zusammenkommen und sich live hochklassigen Basketball anschauen können. Die heutigen Nationalspieler Dennis Schröder, Daniel Theis und Franz Wagner haben in der Vergangenheit alle schon einmal in der Steinberghalle gegen uns gespielt. Auch für das Nachwuchsprogramm, das wir zusammen mit den Veolia Towers verfolgen und für das es essenziell wichtig ist, dass wir in der ProB spielen und dort junge Spieler auf hohem Niveau weiterentwickeln können.“
Die Kooperation mit den Veolia Towers wird von einigen Wedelern auch kritisch gesehen. Was entgegnen Sie diesen Vorbehalten?
Roquette: „Ich weiß, dass viele Menschen in der Nostalgie hängen und sagen, dass früher und somit vor dem Beginn der Kooperation alles besser war. Aber sie lassen außer acht, dass es heutzutage nicht mehr möglich ist, mit zwölf Wedeler Urgesteinen in Deutschlands dritthöchster Spielklasse mitzuhalten. Als Wedel alleine schaffen wir es nicht – dafür ist unsere Stadt zu klein und die Professionalisierung des Basketballs zu weit vorangeschritten. Nur dank der Kooperation können wir in der ProB antreten und haben, zusammen mit den Towers, auch eine klare Aufgabe. Sie lautet, Talente aus der Region zu fördern. Justus Hollatz, der dazu beigetragem hat, dass Deutschlands Nationalmannschaft 2023 Weltmeister geworden ist, und auch Louis Olinde wären heute nicht da, wo sie sind, wenn wir nicht mit den Towers zusammengearbeitet hätten.“
Dem SC Rist wurde gerade von der 2. Basketball-Bundesliga für seine Jugendarbeit die Bronzene Plakette verliehen. Ist es auch für den Nachwuchs wichtig, dass die Herren weiter in der ProB spielen?
Roquette: „Natürlich wäre es auch im Hinblick auf die Jugendarbeit schade, diesen Standort zu verlieren. Über die Auszeichnung für die Jugendarbeit in Wedel, in unserem Verein und an den Grundschulen, freuen wir uns natürlich sehr. Und wir sehen sie auch als Ansporn an, diese Arbeit fortzusetzen.“
Inwieweit hatten und haben die Überlegungen, den SC Rist aus der ProB zurückzuziehen, Auswirkungen auf Ihre Kaderplanungen für die kommende Saison?
Roquette: „Natürlich herrschte bei uns für einige Wochen eine Ungewissheit. Das Gute ist, dass die Saison ja noch läuft: In der ProA und der ProB stehen jetzt erst die Play-Off-Finalspiele an. Viele Vereine wissen deshalb noch nicht, in welcher Spielklasse sie in der kommenden Serie antreten, weshalb sie bisher kaum ernsthafte Gespräche mit Spielern führen konnten. Deshalb hatte die Rückzugs-Thematik keine gravierenden Auswirkungen und wir haben keine Zeit verloren in Bezug auf die Kaderplanung. Denn wenn wir die Play-Offs erreicht und beispielsweise im Viertelfinale ausgeschieden wären, hätten wir auch erst Mitte Mai angefangen, über die kommende Saison nachzudenken.“
Foto: (c) Manningeaux