26. 06. 2026
„Ein Kind des Programms“: Kapitän Linus Hoffmann geht von Bord
Auf Händen getragen wurde Linus Hoffmann am 3. Dezember 2024, als er dem SC Rist Wedel mit einem Dreierwurf in letzter Sekunde einen 78:75-Sieg gegen RSV Eintracht Teltow-Kleinmachnow-Stahnsdorf gesichert hatte. „Das war einer meiner schönsten Momente beim SC Rist, weil ich gespürt habe, wie sehr sich meine Mitspieler für mich gefreut haben“, sagte Hoffmann, der damals vor allem von Camron Reece und Niklas Krause „geschultert“ worden war, rückblickend. Seinerseits war Hoffmann seit vielen Jahren eine tragende Säule im Spiel der Wedeler. Als „Kind des Programms von den Veolia Towers Hamburg und uns“ bezeichnete Christoph Roquette, Sportliche Leiter des SC Rist, den Flügelspieler, der seit seinem 15. Lebensjahr und dem Beginn des besagten Programms am Steinberg aktiv war.
Abschied schweren Herzens
In den zurückliegenden drei Spielzeiten war Hoffmann Rister Kapitän – doch nun geht er von Bord: „Ich habe mich schweren Herzens dazu entschieden, Rist Wedel zu verlassen“, erklärte Hoffmann. Dabei gehe es ihm „definitiv nicht darum, in der 2. Bundesliga ProB zu einem anderen Verein zu wechseln“, versicherte der 23-Jährige: „Der einzige Grund ist, dass ich mein Medizinstudium in Lübeck nicht länger mit Leistungssport auf diesem Niveau so vereinbaren kann, wie es mein Anspruch ist.“ Zwar habe er mit Roquette und den anderen Rister Verantwortlichen „lange Gespräche geführt, um zu schauen, ob wir meinen Aufwand irgendwie reduzieren können“, so Hoffmann, der aber klarstellte: „Derartige Vereinbarungen würden den Erwartungen, die ich an mich stelle und was ich der Mannschaft mitgeben will, nicht gerecht werden.“
Den Abschied von Hoffmann bedauert Roquette: „Dass er uns sportlich wie menschlich sehr, sehr fehlen wird, steht außer Frage.“ Der Sportliche Leiter hob hervor, dass Hoffmann ein echter Vorzeigeschüler des besagten Programms der Basketballvereine aus Wedel und Hamburg sei: „Er ist über den Towers-Nachwuchs zu uns gekommen, als 15-Jähriger zum ersten Mal in der ProB aufgelaufen und hat sich bei uns für Einsätze in der Bundesliga sowie im Euro-Cup empfohlen.“ Roquette konnte auch eine lustige Anekdote zum Besten bringen: „In Linus’ erster Saison bei uns war Felix Banobre unser Trainer. Und weil er den Namen ‚Linus‘ nicht aussprechen konnte, hat er ihm den Spitznamen ‚Linux‘ gegeben.“
Immer ein Vorbild gewesen
Roquette lobte den gebürtigen Hamburger für dessen Leistungen: „Linus ist ein Spieler, den wir morgens um 7 Uhr hätten wecken können und der dann sofort 100 Dreierwürfe gemacht hätte.“ Weder in seiner eigenen aktiven Zeit noch jetzt als Sportchef habe er „einen Spieler kennengelernt, der so gewissenhaft gearbeitet hat“, ergänzte der 43-Jährige. Dass Hoffmann am Steinberg „relativ schnell zu einem unumstrittenen Führungsspieler reifte“, liegt laut Roquette auch an seinen Mitspielern: „Er hat in den Jahren bei uns viele verschiedene Charaktere kennengelernt und deren positive Eigenschaften aufgesaugt.“
Der niedrige Altersschnitt des Rister Teams habe „dafür gesorgt, dass Linus schnell zwischen den jüngeren und den älteren Spielern stand und bald selbst zu den erfahrenen, etablierten Akteuren gehört hat“, ergänzte Roquette. Aufgrund seiner Reife, seiner weisen Art wurde Hoffmann sofort von allen Mitspielern, gleich welcher Altersgruppe sie selbst angehörten, als Führungsfigur akzeptiert. „Seine "Weisheit" hat ihm den Respekt von allen eingebracht“, erklärte Britta Wien-Hansen. „Legendär“ nannte die Team-Managerin des SC Rist die Abschlussreden, die Hoffmann alljährlich am Ende einer Saison hielt. „Auf diese Worte haben sich alle Beteiligten immer sehr gefreut.“
Entscheidung für das Studium
Über Hoffmanns Karriere sagte Roquette: „Vielleicht hat ihm als Kopfmensch mitunter die nötige Leichtigkeit gefehlt, einfach alles geschehen zu lassen.“ Für Hoffmann sei aber „schnell klar gewesen, dass er nicht nur Profi werden, sondern auch im Studium Vollgas geben will“. Die daraus resultierende Doppelbelastung habe der Flügelspieler „über mehrere Jahre hervorragend gemeistert“, lobte der Sportliche Leiter, der aber „vollstes Verständnis“ dafür hat, dass Hoffmann nun entschieden hat, den SC Rist zu verlassen: „Ich kann das sehr gut nachvollziehen, weil ich früher selbst Studium und Profisport unter einen Hut bringen musste und daher weiß, was für eine riesige Herausforderung das ist.“
Hoffmann selbst fand ähnliche Worte: „Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit lassen, noch mehr Zeit in den Basketball investieren und als junger Spieler das, was ich erlebt habe, mehr genießen sollen.“ Als er für die Towers-Junioren in der Nachwuchs-Basketball-Bundesliga (NBBL) aktiv war, habe er sich „sehr auf den Sport konzentriert“ und sei „ein wirklich ehrgeiziger, arbeitswütiger Spieler“ gewesen, sagte der Wahl-Lübecker rückblickend. Etwas hin- und hergerissen ist Hoffmann, wenn er auf den frühen Beginn seines Studiums angesprochen wird: Sich noch eine zweite Aufgabe neben dem Basketball zu suchen, die ihm wichtig war, sei „einerseits richtig gewesen“, so Hoffmann: „Das hat mir sehr geholfen und ich würde es wieder so machen. Aber andererseits hätte ich vielleicht auch das Großartige, was ich bei den Towers und in Wedel erleben durfte, noch länger auskosten können.“ Unter dem Strich habe er für sich „die richtige Entscheidung getroffen und würde es wieder so machen“, betonte Hoffmann.
Erfahrungen fürs Leben
Neben dem eingangs beschriebenen Moment bleiben Hoffmann „natürlich noch viele weitere Dinge“ aus seiner Zeit beim SC Rist in Erinnerung. „Vor allem die Interaktionen, die ich mit meinen Mitspielern hatte, und meine ersten ProB-Einsätze“, so Hoffmann, der sich erinnerte, dass er in seiner Anfangszeit am Steinberg noch mit Aurimas Adomaitis und Steffen Kiese zusammenspielen durfte. „Dadurch stand ich als kleiner Junge mit gestandenen, ehemaligen Erstliga-Spielern auf dem Feld, was mich damals stolz und glücklich gemacht hat“, sagte Hoffmann dankbar. Der 23-Jährige kündigte zudem an, dass er zukünftig „natürlich oft als Zuschauer in der Steinberghalle vorbeischauen“ werde.
Ob der Student in der kommenden Saison für einem klassentieferen Verein auf Korbjagd gehen wird, ist noch fraglich. „Sicherlich entsteht jetzt durch meinen Abschied vom SC Rist ein Vakuum, zumal ich nicht mehr so oft zwischen Hamburg und Lübeck pendeln muss“, so Hoffmann, der aber auch hinzufügte, er würde „sicher nicht in Freizeit schwimmen“. In den letzten Wochen habe er sich „ausnahmslos mit dem SC Rist beschäftigt“, so Hoffmann, der sich für seine Zukunft „alle Optionen offen halten“ will: „Natürlich habe ich noch einen gewissen Ehrgeiz – aber ich könnte auch sehr gut damit leben, wenn ich ein Jahr lang nur Hochschulsport mit Freunden mache.“ Klar ist: Viele Vereinsverantwortliche aus Lübeck und Umgebung würden Hoffmann auf Händen tragen, um ihn für ihren Klub zu gewinnen.
Text: Johannes Speckner, Fotos: (c) Manningeaux, Speckner